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Digitale Abhängigkeit: Bequem, effizient – und riskant

Europa und insbesondere Deutschland haben in den letzten Jahren eine starke Abhängigkeit von technischen Lösungen aufgebaut, die überwiegend aus den USA stammen. Große Teile der digitalen Infrastruktur basieren heute auf Diensten wie Cloud-Plattformen, Kollaborationssoftware, Hosting-Anbietern oder KI-Services internationaler Big-Tech-Konzerne. Diese Entwicklung ist nachvollziehbar – technisch wie wirtschaftlich – bringt aber strukturelle Risiken mit sich, die langfristig nicht ignoriert werden sollten.

Aus technischer Sicht ist der Reiz dieser Lösungen offensichtlich: Sie sind schnell einsatzbereit, skalierbar, hochverfügbar und werden kontinuierlich weiterentwickelt. Der Betrieb eigener Systeme, inklusive Wartung, Updates, Security-Patches und Monitoring, entfällt oder wird stark reduziert. Gerade für kleinere Unternehmen, Startups oder öffentliche Einrichtungen wirkt der Umstieg auf Cloud-Dienste wie ein rationaler Schritt, der Kosten spart und Komplexität abbaut.

Doch genau diese Bequemlichkeit führt schleichend zu Abhängigkeiten. Wer zentrale Geschäftsprozesse, Kommunikation, Datenhaltung und Analyse vollständig an externe Plattformen auslagert, gibt die Kontrolle über kritische Infrastruktur zumindest teilweise aus der Hand. Technisch bedeutet das: proprietäre Schnittstellen, eingeschränkte Portabilität von Daten, Abhängigkeit von Lizenzmodellen und Preisstrukturen sowie fehlender Einfluss auf Produktentscheidungen oder Funktionsänderungen.

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Souveräne Daten?

Hinzu kommt die Frage der Datensouveränität. Selbst wenn Daten physisch in europäischen Rechenzentren liegen, unterliegen viele Anbieter weiterhin außereuropäischen Rechtsräumen. Für sensible Informationen – etwa in Verwaltung, Forschung, Gesundheitswesen oder Industrie – ist das ein nicht zu unterschätzender Faktor. Die langfristige Verfügbarkeit von Diensten, der unveränderte Zugang zu Daten oder die Garantie gleichbleibender Rahmenbedingungen lassen sich nicht vollständig absichern.

Aus rein technischer Perspektive ist diese Konzentration problematisch: Monokulturen sind anfällig. Sie reduzieren Resilienz, Innovationsvielfalt und strategische Handlungsfreiheit. Gleichzeitig entsteht ein Know-how-Verlust, wenn Betrieb, Architekturentscheidungen und technisches Verständnis zunehmend ausgelagert werden.

Open-Source und Self-Hosting

Dabei existiert längst eine breite Landschaft leistungsfähiger Open-Source-Software, die für viele Anwendungsfälle einen vergleichbaren Funktionsumfang bietet: von Kollaboration und Dokumentenmanagement über Cloud-Speicher, CI/CD, Monitoring bis hin zu kompletten Plattform-Stacks. Selbst gehostet oder über europäische Dienstleister betrieben, ermöglichen diese Lösungen ein deutlich höheres Maß an Kontrolle, Transparenz und Anpassbarkeit.

Natürlich ist Selbst-Hosting kein Selbstzweck. Es erfordert Kompetenz, Ressourcen und Verantwortungsbewusstsein. Nicht jede Organisation muss oder sollte alles selbst betreiben. Der entscheidende Punkt ist jedoch die Wahlfreiheit. Eine Infrastruktur, die bewusst modular, offen und portabel gestaltet ist, erlaubt es, Abhängigkeiten zu reduzieren und im Zweifel Alternativen zu nutzen.

Digitale Souveränität bedeutet nicht, von heute auf morgen alles umzubauen oder Cloud-Dienste grundsätzlich abzulehnen. Vielmehr geht es um einen graduellen Ansatz: kritische Systeme identifizieren, offene Standards bevorzugen, Exit-Strategien mitdenken und Know-how im eigenen Haus aufbauen oder erhalten. Jeder Schritt in Richtung technischer Unabhängigkeit erhöht die Resilienz.

Langfristig ist digitale und infrastrukturelle Souveränität kein ideologisches Ziel, sondern eine technische Notwendigkeit. Wer Kontrolle über seine Systeme, Daten und Prozesse behalten möchte, sollte Abhängigkeiten bewusst managen – und dort, wo es sinnvoll ist, auf offene, unabhängige Lösungen setzen. Nicht radikal, aber konsequent.